Das Einbrechen des Todes in das Leben

… ist dieses Jahr in meinem Umfeld sehr hĂ€ufig passiert. Immer war es unangekĂŒndigt, unvorbereitet und daher besonders unfassbar fĂŒr uns, die wir nur Zuschauer waren. Der letzte Vorfall war vor zwei Tagen. 

nor

Alle Toten konnten nicht so alt werden wie die SchĂ€ferin auf Van Goghs Bild. Einer ist auf der Straße tot umgefallen, einer ist wĂ€hrend der AusĂŒbung seines Berufes zusammengebrochen, zwei sind im Bett gestorben, einer davon wurde am Tag vorher von seiner HausĂ€rztin noch mit Beschwerden nach Hause geschickt, hatte gerade glĂŒcklich in seinem neuen Job angefangen und war erst 26. Er war Familienmitglied. Genau wie das Baby, das tot geboren wurde.

Da ich alle Toten bzw. die Kindsmutter persönlich kannte, teilweise seit Jahren sehr schĂ€tzte, erwischte mich das Einbrechen des Todes jedesmal kalt. Als ich jĂŒnger war, dachte ich immer, so plötzlich aus dem Leben zu scheiden, ist meine Idealvorstellung von meinem Sterben. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Es wĂ€re schon schön, sich von seinen Lieben noch verabschieden zu können.

Zum GlĂŒck kann man das nicht selbst bestimmen, wenn man nicht gerade die „Harold und Maude“ – Lösung wĂ€hlt und sich zu einem festgelegten Zeitpunkt aus dem Leben verabschiedet. (Was habe ich bei diesem Film geweint!) Aber selbst dann beschließt der Tod vielleicht, einen ganz anders zu holen.

Dieses Bewusstsein, dass es jederzeit vorbei sein kann, was bedeutet das fĂŒr mich? Ich muss gestehen, dass ich, als ich sehr verliebt war und einen perfekten Tag mit meinem damaligen Freund verbracht hatte, am Abend damals dachte: Jetzt kann ich sterben, weil ich diesen Tag erlebt habe.

Inzwischen habe ich einen neuen Partner, mit dem ich schon ganz viele solche Tage erlebt habe. Ich kann somit sagen: Ich bin ein glĂŒcklicher Mensch.

Keine Sorge, ich möchte jetzt nicht sterben, ich liebe das Leben: meinen neuen Mann, mit dem ich noch viele glĂŒckliche Stunden verbringen will, meine Arbeit, die ich als zutiefst sinnhaft empfinde, meine Freunde, mit denen ich lachen und weinen kann, und – vielleicht am wichtigsten – meine Kinder, die ich auf ihrem spannenden Weg ins Leben begleiten will.

Ich hĂ€nge sehr am Leben. Das habe ich gemerkt, als es mir sehr schlecht ging und ich trotzdem voller Trotz an meinem Leben festgehalten habe. 

Dennoch: wenn der Tag kommen wird, kann ich sagen, ich habe die FĂŒlle des Lebens genutzt.

Stimmt das? Ich hoffe es!

5 Kommentare zu „Das Einbrechen des Todes in das Leben

  1. Ein sehr ehrlicher Artikel, der mich berĂŒhrt. Auch deshalb, weil ich gerade heute morgen im Radio etwas ganz Ă€hnliches gehört habe. Und vor ein paar Tagen einen Ausspruch zum gleichen Thema, der mir zu denken gibt: „FrĂŒher lebten die Menschen trotz geringerer Lebenserwartung lĂ€nger, da sie mit der Ewigkeit rechneten.“
    Danke fĂŒr deinen Anstoß, weiter zu denken …

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  2. Tod und Sterben sind wichtige – und im Grunde auch alltĂ€gliche Themen. Wir sollten öfter darĂŒber reden, uns gemeinsam an die Toten erinnern, vielleicht uns auch ĂŒber das eigene Sterben, WĂŒnsche, BefĂŒrchtungen austauschen. Ich habe meine Mutter die letzten Jahre vor ihrem Sterben begleitet. Es wurde natĂŒrlich, den Tod jeden Tag mitzudenken. Bei meinem Vater, der jetzt 89 Jahre alt ist, geht mir das ebenso. Warum nicht schon frĂŒher damit anfangen? Wer zum Beispiel in einer Großstadt mit dem Fahrrad fĂ€hrt, schrammt relativ hĂ€ufig am Tod vorbei. Sterben ist ja lĂ€ngst nicht nur etwas fĂŒr alte Menschen.

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  3. Dass der Tod prĂ€sent ist im Leben erinnert auch wirklich daran, so zu leben, dass man nichts „Wichtiges“ verpasst hat.

    Mir wurde das nach dem Tod meiner Mutter recht deutlich klar. Seit dem – nun, auf den Tod von Menschen, die mir bekannt, vielleicht meine Idole waren, aber nicht direkt und persönlich, kann ich kaum mit einem Heulen reagieren, wenn ich sehen kann, dass diese Menschen nach erfĂŒlltem Leben gehen. Ich versuche, lieber diesen Menschen, dem, was ich an ihnen schĂ€tze, im Leben zu folgen und deren Tod als Schlusspunkt eines erfĂŒllten, von mir verfolgten Lebens zu betrachten, an dem ich nicht direkt teilhatte. Mir ist aufgefallen, dass der Tod und Nachruf fĂŒr Leonard Nimoy, dessen Werk als Darsteller von Spock ich verehre, mich zwar nicht kalt ließ, aber lange nicht so „kalt erwischte“ wie so manchen in meinem Umfeld.

    FĂŒr den Tod im Umfeld, den Tod geliebter Menschen, die Teil meines Lebens und deren Leben auch mich als Teil davon beherbergen, funktioniert das nicht so. Dennoch ist hier der Tod, das Bewusstsein um den Tod, der Ansporn, nicht „auf spĂ€ter“ zu verschieben, was man ihnen sagen oder mit ihnen teilen wollte.

    Ich habe oft Angst, dass mein daraus resultierender Umgang mit dem Tod als Teil des Lebens kalt wirkt. Ich selbst weiß, dass das nicht so ist. Aber die Tiefen beim Tod meiner Mutter gesehen zu haben, nimmt dem Tod anderer geliebter Menschen dieses LĂ€hmende, das einen die Sterblichkeit aller, speziell seiner selbst und der geliebten Menschen verdrĂ€ngen lĂ€sst. Ich war da unten. Es ist der Ansporn, nichts zu versĂ€umen, sondern auch sagen zu können, wenn jemand gehen muss: Ich war da, ich habe mit diesem Menschen freilich noch immer viel zu wenig geredet, gemacht, meine Zuneigung gezeigt. Aber ich habe es im Rahmen meiner Möglichkeiten getan. Ich versuche, so zu leben, dass ich mir auf dem eigenen Totenbett nicht vorwerfen muss, etwas zu sagen, zu tun, zu zeigen verpasst zu haben, aber auch am Totenbett meiner Lieben nicht. Aber einfach ist das nicht. Leichter wird es dennoch, denn dann raubt einem nicht das VerdrĂ€ngte, das man nie wahrzuhaben bereit war, die Chancen. Bitter genug sind Enden dennoch eigentlich immer, da muss man sie nicht noch durch verpasste Chancen und eine kĂŒnstlich durch VerdrĂ€ngen aufgebaute Schockwirkung zusĂ€tzlich schlimmer machen.

    Himmel, klingt das – abgeklĂ€rt. 😩

    GefÀllt 2 Personen

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