„Ja, wo rennen sie denn? Wo rennen sie denn hin?“

… an dieses (leicht abgewandelte) Filmzitat muss ich seit ein paar Jahren öfters denken.

Dass alle irgendwo hinrennen, wahnsinnig geschĂ€ftig, engagiert, umtriebig, wichtig, aber eben auch gestresst sind, ist mir, als ich vor ein paar Jahren aus dem Babyjahr mit meiner Tochter zurĂŒckkam, erstmals so richtig aufgefallen.

Kollegen, die mir vor dem Erziehungsurlaub noch völlig normal erschienen, wirkten nun wahnsinnig angespannt , beschĂ€ftigt und nahmen einem teilweise gar nicht mehr richtig wahr. Einige rannten sogar ĂŒber die Flure, ungelogen!

Ich fĂŒhlte mich augenblicklich auch gestresst, fing mir sofort einen grippalen Infekt ein und bereute meine Entscheidung wieder arbeiten zu gehen, gut zwei Jahre lang, mal mehr, mal weniger. (Nicht, dass ich finanziell jemals eine echte Wahl gehabt hĂ€tte…)

Ich war in dem Jahr zu Hause schlicht langsamer geworden, lebte nach meinem eigenen Rhythmus und musste mich an die berufliche Hektik erst wieder gewöhnen. In dieser Zeit dachte ich sogar darĂŒber nach, aus meinem Beruf auszusteigen, es schien mir nicht mehr zu passen. Ich wollte nicht so deformiert werden wie die anderen.

Dann kam eine Zeit voller privater Krisen und ich merkte, wie sehr man in so einer Zeit durch einen Beruf, den man als grundsĂ€tzlich sinnvoll und erfĂŒllend empfindet, aufrecht gehalten werden kann. Weil ich gesundheitlich sehr mitgenommen war, lernte ich auch alsbald, mich beruflich und privat auf das Wesentliche und Wichtige zu konzentrieren. Als ich wieder fitter war, merkte ich, wie viel Zeit ich dadurch gewonnen hatte. Dadurch bin ich insgesamt definitiv weniger gestresst als meine Mitmenschen. Manche Dinge, die andere belasten, stehen nicht mal auf meiner to-do-Liste… 

Mit den Jahren habe ich folgende Stresstypen ausmachen können:

… Den demonstrativ Gestressten, der zeigen will, wie viel er arbeitet, und dafĂŒr Trost und Anerkennung und vielleicht auch eine Beförderung erwartet.

… Den chronisch Überforderten, der es gerne allen Recht machen will und an seinem tĂ€glichen Scheitern leidet. 

… Den geschickten Delegierer, der mit der BegrĂŒndung, er habe so viel zu tun, einen Großteil seiner Aufgaben delegiert und sich so Luft zum Atmen verschafft. (Klug, manchmal aber auch unverschĂ€mt.) 

… Den Jasager, der im Dauerstress ist, weil er nicht Nein sagen kann und sich daher grundsĂ€tzlich zu viel auflĂ€dt und bei anderen leider auch eine Erwartungshaltung schafft.

…Den Freizeitgestressten, der privat von AktivitĂ€t zu AktivitĂ€t hetzt und ja leider auch noch arbeiten muss.

… Den Perfektionisten, der an Haushalt, Arbeit und/oder Kinder dermaßen hohe AnsprĂŒche hat, dass der Tag  zwangslĂ€ufig zu wenig Stunden hat und er immer von sich und anderen enttĂ€uscht wird.

Was also tun?

Ich empfehle, sich zu fragen, was man eigentlich vom Leben will. Wenn eine perfekt aufgerĂ€umte Wohnung dazu gehört und ich mir das bewusst gemacht habe, werde ich sie viel lieber in Ordnung halten. Es ist dann eine bewusst getroffene Entscheidung und kein Zwang von außen. Das gleiche gilt fĂŒr Sport und DiĂ€ten fĂŒr eine schlanke Figur, die Mehrarbeit fĂŒr eine Beförderung, den Aufwand fĂŒr die Talentförderung der Kinder usw. usw.

Ich persönlich lebe ganz gut mit einer entspannten Grundhaltung zu all diesen Dingen. Aber das ist letztlich  eine Typfrage. Manche sprinten gerne, andere joggen und ich bin mehr so der SpaziergĂ€nger. 

6 Kommentare zu „„Ja, wo rennen sie denn? Wo rennen sie denn hin?“

  1. Es gibt Dinge, fĂŒr die ich zu sprinten bereit bin. Allerdings finde ich auch ganz wichtig abzuwĂ€gen, fĂŒr was man auch mal sprintet: Nur fĂŒr die wichtigen Dinge. Auf der Arbeit ist das fĂŒr mich eher der Bereich, in dem es um Leib und Leben geht, weniger der, wo’s um Geld geht.

    Eine Beförderung, die berĂŒhmten „Aufstiegschancen“, das ist mir selbst weit weniger wert als z.B. das Laufen in der Mittagspause, das mir mein Arbeitgeber ermöglicht. Dass ich auf dem Flur durchaus mal Sturmschritt gehe, das passiert. Mir wurde mal von einem Chef verboten, bei wartender „Kundschaft“ den (recht langen) Weg zum Kopierer laufend zurĂŒckzulegen, weil die noch einen Ausdruck brauchten.

    Aber … Ă€h …

    Eigentlich wollte ich nur schreiben, dass bei der Auswahl der Dinge, fĂŒr die man auch mal rennt (metaphorisch wie buchstĂ€blich), die Frage „Wie wichtig ist mir das Ziel dessen, wofĂŒr ich gerade renne?“ ein guter Ratgeber ist.

    GefÀllt 2 Personen

      1. Listen können doch eigentlich immer nur Beispiele sein.

        Meinst Du denn nun die Liste mit den „Typen“ von gestressten Leuten in Wechselweibs Beitrag oder habe ich eine Liste in meinem Kommentar ĂŒbersehen?

        GefÀllt 1 Person

  2. Nix rennen. Eines nach dem anderen und in der Ruhe liegt die Kraft. Alles geben? Ohne mich, das ist ein schlechtes GeschĂ€ft. Bleibt ja nix mehr fĂŒr mich. 51% gehören immer mir, als mein eigener Mehrheits-Eigner 😉
    Lieben Gruß Dir.

    GefÀllt 2 Personen

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