Alleinsein – ein Lebensgefühl

Seit ich denken kann, ist Alleinsein mein Lebensgefühl. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein unfreiwilliges Einzelkind bin.

Ich erinnere mich an zahlreiche Situationen in der Pubertät, wo ich abends heulend nach einem Streit mit meiner Mutter auf dem Bett lag und mein Vater kam und mich bat, ich möge mich entschuldigen. Dabei war ich einfach nur, wie ich bin. Niemals wieder habe ich mich so unverstanden und ungerecht behandelt und ausgeliefert gefühlt. Um des lieben Friedens willen entschuldigte ich mich, aber die Verletzungen blieben.

Das Verhältnis zu meinem Kindern ist viel offener und mehr auf Augenhöhe. Wir können uns alle entschuldigen und ich habe oft das Gefühl, niemand versteht mich so gut wie sie. Und wenn sie verzweifelt oder zornig wegen etwas in ihrem Leben sind, versuche ich immer zu signalisieren, dass ich sie verstehen kann. Was auch stimmt.

In meiner ersten Ehe, war ich sehr allein, buchstäblich allein gelassen wie in ein Gefängnis habe ich mich gefühlt. Habe aber tapfer versucht zu lächeln und für die Kinder da zu sein. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Waren überfordert, war ich doch immer ein so gut funktionierendes Kind gewesen, das alles mit sich alleine ausgemacht hat.

Jetzt bin ich alleinerziehend. Mein neuer Mann wohnt nicht bei mir. Wir haben eine Fernbeziehung. Wenn es mit meiner Tochter Probleme wegen ihrer traumatischen Grundschulzeit gab, war mir wieder bewusst, wie allein ich bin. Für meinen Exmann war ich die unfähige Mutter und an allem schuld, er verstand seine Tochter überhaupt nicht. Und so sah ich mich allein an allen Fronten: Musste mein verzweifeltes Kind beruhigen, die tyrannische Schulleiterin höflich behandeln und mich gegen die Vorwürfe meines Exmanns zur Wehr setzen. Und bei alledem nicht durchdrehen. Ich war sehr erleichtert, als ich Hilfe bei einer Erziehungsberatung suchte und diese mir versicherte, ich sei normal und meine Tochter auch. Sie empfahl einen Schulwechsel und das zogen wir dann auch durch.

Als ich vor drei Jahren meinen damaligen Mann, mein Haus und leider auch meinen Sohn, der sein gewohntes Umfeld nicht zurücklassen wollte, verließ, hatte ich große Angst, dass ich es alleine nicht schaffen würde.

Ich hatte noch nie alleine gewohnt. Meine Tochter ist ja noch ein Kind. Aber ich habe es geschafft. Ich fragte bei manchen Dingen Freunde oder Nachbarn um Hilfe oder ließ gegen Bezahlung einen Fachmann kommen, manches ist mir auch nicht so wichtig, so dass ich manche Probleme seit der Trennung gar nicht mehr habe. Letztlich fühlt es sich toll an, allein zu sein. Man ist sein eigener Herr und macht die Dinge, wie man will. Und mit meiner Tochter bin ich ein echtes Mädchenteam. Sie ist genau wie mein Sohn durch die Trennung sehr selbstständig geworden.

Ich hoffe sehr, meine Tochter wird mal mutiger als ich sein und schneller Stopp sagen, wenn ihr etwas nicht passt. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich jetzt erst erwachsen geworden bin. Und die zwei Jahre ohne Beziehung will ich nicht missen, ich weiß jetzt, ich schaffe es, allein zu sein, und kann es sogar genießen – und das ist ein richtig gutes Gefühl, weil es mich unabhängig macht.

11 Kommentare zu „Alleinsein – ein Lebensgefühl

  1. Ich habe während des Studiums acht Jahre lang alles allein mit mir ausmachen müssen, bin allein in meine Wohnung gekommen und konnte machen, was ich wollte, musste aber auch alle Dinge von „draußen“ mit mir ausmachen.

    Ich bin in dieser Zeit sehr in das hineingewachsen, in die Person, die ich heute bin. Das ist mir sehr wichtig und ich merke, dass es mich von Leuten, die nie allein waren, unterscheidet. Ich möchte diese Zeit – auch wenn sie hart war – nicht missen, denn in dieser Zeit habe ich gelernt, mich und meine Dinge aus mir selbst heraus zu definieren und nicht über andere. Mein Mann hat ähnlich lange allein gelebt und es hilft uns beiden, dass das bei uns beiden der Fall ist.

    Gefällt 3 Personen

  2. Das Gefühl von Unabhängigkeit ist ein großartiges Gefühl. Ich wuerde es gegen nichts mehr eintauschen. Von daher, auch wenn ich jetzt wieder einen Freund habe, wuerde ich es mir sehr sehr lange ueberlegen, zusammen eine Wohnung oder ein Haus zu beziehen.

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  3. Als ich aus meiner 1.ehe gegangen , ging es mir genauso . Mein Sohn wollte auch im Umfeld bleiben . Das war sehr schwer damals für mich . Ich kann daher das alles nachvollziehen was du schreibst . Deine Beiträge sind schön zu lesen und du kannst einen mitnehmen . Gefällt mir 😊
    Liebe Grüße Mona

    Gefällt 1 Person

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