„Das Private ist das Politische“

Quelle: 🌍prezi. com

Diese Losung der 68er ist heute aktuell wie nie. Es ist uns vielleicht nicht immer bewusst, aber die Entscheidungen, die wir privat treffen, haben Folgen für die Gesellschaft und sind letztendlich politische Statements.

Deswegen reagieren manche Menschen so allergisch, wenn jemand sich dazu bekennt, schwul oder lesbisch zu sein. Deswegen hat es solche Auswirkungen, wenn man sich gegen sexuelle Belästigung wehrt und es kann sogar eine Bewegung wie #metoo daraus werden.

Genauso ist es in Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise für manche eine Provokation, wenn man Muslime im Freundeskreis hat, gerade auch für angeblich liberale Mitmenschen, erstaunlicherweise. Dabei sind wir, wenn ich mir meine Klassen so angucke, in der multikulturellen Gesellschaft längst angekommen.

Zudem kann es, wenn man dazu steht, nicht der Norm zu entsprechen, egal ob man nun psychische Probleme hat, dick ist oder eine „laute“ und selbstbewusste Frau, durchaus einen Vorbildcharakter haben und weitere Kreise ziehen. Das wird mir zunehmend bewusst.

Ich erfülle alle drei Punkte: Ich hatte jahrelang immer wieder Depressionen und bin sehr offen damit umgegangen, ich bin übergewichtig und selbstbewusst und ja, ich bin jemand, der seine Meinung laut sagt, auch in Situationen, wo andere sich das nicht trauen und ich bin auch niemand, der zum Lachen in den Keller geht – und zum Weinen auch nicht. Früher war mir oft nicht klar, dass manchen Menschen das regelrecht Angst macht. Dass zum Beispiel zu seinem Körper zu stehen so ein Politikum und so eine Provokation ist, war mir null klar.

Hoffnung macht mir, dass meine Schüler in der Lage sind, Schwule, Lesben, Menschen mit Migrationshintergrund, Depressive, dicke Leute und selbstbewusste, laute Frauen zu akzeptieren, wenn der Charakter stimmt.

So wird man als BMI-starke und laute Lehrerin, die zu ihren depressiven Phasen steht und sich zudem getraut hat, aus einer Beziehung zu gehen, in der sie unglücklich war und nun eine neue Liebe gefunden hat, am Ende noch zum Role Model, wer hätte das gedacht. Das ist natürlich übertrieben. Aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.

10 Kommentare zu „„Das Private ist das Politische“

  1. Selbstverständlich weiß ich, was du meinst…
    Vieles davon liegt hinter mir und ich kann manchmal einfach nur stundenlang voll unpolitisch an Blättern zupfen…
    Grüße zu dir, liebes Wechselweib
    🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Ich lebe – aus dieser Erkenntnis heraus – auch zunehmend offen mit meinem transsexuellen Hintergrund. Weil das Private politisch ist.

    Die bisherige Art, mit diesem, meinem Problem umzugehen, zielte bis vor nicht allzu langer Zeit darauf, die Existenz der Geschlechtsidentitätsstörung versteckt zu halten, auf dass „nicht mehr Leute auf die Idee kämen“ und auf dass „niemand davon gestört sei, dass es sowas gibt“. Das hat sich geändert – und ich trage es nicht die ganze Zeit vor mir her, aber es spielt in vieles rein.

    Es ist nicht lang her, da habe ich es einfach akzeptiert, dass ich darüber die Klappe zu halten habe, weil es „durch“ war. Aber spätestens als ich Brent Spiner aus Star Trek statt des auswendig gelernten Gesprächsstarts bei der Autogrammstunde entgegensagte, dass seine Darstellung des Menschwerdenwollens und Menschwerdens von Data in Star Trek: The Next Generation mich dabei inspiriert hatte, von dem unglücklichen Jungen zu dem zu werden, was ich jetzt bin, möchte ich das gerne anders handhaben und SEIN. Klar, nicht immer jedem als erstes erzählen, aber es auch erzählen können und dürfen.

    Ist vielleicht ein bisschen analog zu dem, was Du hier schreibst.

    Gefällt 3 Personen

  3. ja, das kenn ich.
    mich hat auch das zu mir stehen so stark gemacht, dass es den einen angst bereitet und die anderen sich nur bedingungslos unterordnen wollen.
    mit beidem kann ich durch mein selbstbewusstsein gut umgehen.aber ich musste eben nicht nur lernen, selbstbewusst zu sein, sondern auch den reflektierenden umgang damit. man könnte da leicht in eine ungesunde ich-bin-ich-schiene verfallen, die machtanspruch geltend machen möchte.
    und ja, nur auf diese weise kann ich an der veränderung der welt beitragen. nicht, wenn ich glaube, die anderen verändern zu müssen. sondern indem ich einen sicht- nd spürbaren anhaltspunkt gebe.

    Gefällt 1 Person

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