Warum ich keine „Karriere“ machen will – ein nüchternes Fazit nach 2 Jahrzehnten im Job

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Nach 19 Jahren im Lehrerjob kann ich voller Überzeugung sagen: Ich will und werde in diesem Job keine „Karriere“ machen.

Das liegt vor allem an meinen Beobachtungen, WER in diesem Job Karriere gemacht hat und WELCHE FOLGEN das für das Verhalten und das Leben dieser Leute hatte.

Meine, ganz persönlichen, nicht unbedingt repräsentativen, Beobachtungen sind:

  1. Karriere machen oft nicht die Leute, die am kompetentesten sind, sondern die Menschen, die a) die beste Show machen und sich b) mit den richtigen Stellen und Personen gut stellen.
  2. Als Frau dem klassischen Frauchenschema zu entsprechen, hilft durchaus.
  3. Laute, ehrliche Charaktere und Menschen mit großer Klappe machen keine Karriere, als Frau kenne ich keinen einzigen Fall. Bei den Männern werden es auch immer weniger.
  4. In den letzten Jahren sind Visionen, große Ideen, wie Schule eigentlich sein soll, nicht mehr gefragt. Vielmehr geht es um Datenverwaltung, Vorschriften, Bürokratisierung.
  5. Wenn man einen guten Draht zu den Schülern hat und einen Topunterricht macht, bei dem die Schüler was lernen und motiviert werden, wird man von Schülern und Eltern geliebt und geschätzt. Von Schulleitung und Kollegen nicht unbedingt. Vor allem aber: Für eine Beförderung gibt es praktisch nichts, was weniger relevant wäre.
  6. Alle Kollegen, die in meiner Zeit an der Schule in höhere Positionen aufgestiegen sind, haben sich verändert. Nur eine einzige Person zu ihrem Vorteil.
  7. Wer eine Führungsposition hat, kriegt nicht nur mehr Geld aufs Konto, sondern leitet daraus anscheinend auch häufig ab, mehr wert zu sein als die Kollegen. Manche zeigen das deutlich, andere freuen sich still daran.
  8. Die gesundheitlichen Folgen einer Beförderung sind nicht zu unterschätzen. Hörsturz, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Burnout, Darmprobleme kommen bei Personen mit mehr Verantwortung häufiger vor.(Depressionen eher in den unteren Positionen.)
  9. Die Luft da oben ist einsam, man hat jetzt automatisch mehr Kollegen gegen sich.
  10. Man gewinnt Geld und Ansehen, aber oft verliert man auch einen großen Teil seiner persönlichen Freiheit.

9 Kommentare zu „Warum ich keine „Karriere“ machen will – ein nüchternes Fazit nach 2 Jahrzehnten im Job

    1. Funktionsstelle als Fachabteilungsleiter zum Beispiel, Leitung von Fortbildungen, Job beim Regierungspräsidium.
      Nennt sich dann „Studiendirektor“.
      Als Schulleiter ist man dann Oberstudiendirektor.

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  1. „Karriere“ … noch so n blinder Fleck für mich. Habe nie verstanden, warum irgendwer Karriere machen will. Kann mich nicht verbiegen. Vor allem nicht für Sachen, von denen ich nichts halte. Wie „Karriere“ zum Beispiel. In der Regel macht man durch Karriere andere Leute reich. Würde mich eher versuchen, selbständig zu machen, als Karriere zu machen. Da weiß ich wenigstens, für wen ich arbeite.
    Ach ja, dass es Leute gibt, die deswegen auf mich herabblicken: Davon bin ich überzeugt. Geht so in Richtung von Punkt 7. da oben. Bin mir recht sicher, dass selbst unsere Geschäftsführung auf ihre Angestellten herabblickt, weil wir halt einfach unseren Job machen. Was die Nachkommen der Geschäftsführung so beruflich machen, hört sich zwar geil an, aber auf eigenen Beinen standen die lange Zeit nicht wirklich. Würde mir stinken. Aber die Welt von Karrieristen ist eine Welt der Blender, in der sich das alles gut anhören muss. Eine große Show, wenn man so will. Ja, wie oben in Punkt 1.
    Ist mir auch schon von Leuten in höheren Positionen in großen Konzernen mitgeteilt worden: Um Karriere zu machen, kommt es auf den Habitus an. Das Auftreten. Oder anders gesagt: Die Show.

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  2. Das scheint doch überall das Gleiche zu sein.
    … was aber in einem Beruf mit Vorbildfunktion auch ziemlich böse Folgen für Dritte haben kann.
    Jedoch glaube ich, man wächst da oft auch automatisch rein – besonders in der Wirtschaft.
    Ich merkte auch ziemlich spät, dass ich bis zu fünfzehn Leuten sagen musste, wo es lang geht. … was ich so nie geplant hatte – und eigentlich auch gar nicht wollte.
    Als dann mein damaliger Vorgesetzter mich in der Mittagspause aus Schottland anrief, um mit mir Termine zu besprechen, sagte ich ihm am Telefon, dass das so nicht mehr geht.
    Und ich hab mich nach und nach zurückgenommen, bis ich wieder da war, wo es mir von Anfang an gefiel.
    Fazit: – man sollte das tun, was man selbst möchte. Und da ist Karriere oft zweitrangig – sogar ungesund und schädlich, wenn man sich darin nicht gut fühlt.

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