Selbst-Bewusst-Sein

Ich war vor einem Jahr mit einem Mann zusammen, der für mich die große Liebe war. (Zumindest dachte ich das…) Mit Mitte 40 war ich verliebt wie ein Teenager.

Für mich war er ein Traummann, und auch er versprach mir die Sterne vom Himmel, wie es so schön heißt. Doch bald zeichnete sich ab, was schließlich zum Hauptthema der Beziehung werden und schließlich zu ihrem Scheitern führen sollte: Er liebte sich nicht selbst, wie er klar analysieren konnte, aufgrund Erfahrungen in Kindheit, Jugend und Studium. Der Umstand, dass ich die Frechheit besaß, mich innerlich und äußerlich im Groben gut zu finden, wie ich bin, irritierte ihn maßgeblich und auch, dass ich ihn so toll fand, war ihm unangenehm.

Überhaupt ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, wie viele Menschen in meinem Umkreis mit sich hadern: wegen ihrem Aussehen (meist wegen der Figur), ihrem Alter, verpasster Chancen usw. usw. – die Liste erscheint oft unendlich lang. 

Bei mir ist es so, dass ich jahrelang von einem Ehemann, der ursprünglich natürlich mal liebevoll und unterstützend war, niedergemacht wurde. Auch als Mutter hatte ich oft das Gefühl, dass ich nicht gerade einen guten Job machte, was mein Mann mir auch erfolgreich einredete. Nur in meinem Beruf als Lehrerin fühlte ich mich erfolgreich und erhielt (und erhalte noch) viel positives Feedback.

Irgendwann sagten meine besorgten Eltern mir, dass sie mich gar nicht mehr wiedererkennen würden: Ich sei doch mal eine so positive und lebensfrohe Frau gewesen!

Schließlich, als ich merkte, bald ist nichts mehr von mir übrig, schaffte ich den befreienden Absprung. Darauf folgte eine Phase des Suchens und Findens, die im Grunde immer noch andauert: Wer bin ich? Und wichtiger noch: Wer will ich sein?

Aber eines weiß ich inzwischen: Ich bin liebenswert und habe es verdient, dass man mich liebt. – Genau wie die goldigen Menschen in meinem Umfeld, die so an sich zweifeln. 

Ich bin gleichzeitig angekommen (in dem Sinne, dass ich mir meiner Stärken und Schwächen bewusst bin) und noch auf der Suche und am Neugierigbleiben: „Werde, der du bist.“ von Pindar ist schon immer eines meiner Lieblingszitate gewesen. 

Nostalgie allenthalben – Die Sehnsucht des Menschen nach den „alten Zeiten“

Kaum sind meine Abis aus der Schule raus, wird die gemeinsame Zeit gerne verklärt und ehemalige Horrorerlebnisse werden alsbald zu gern erzählten Anekdoten.

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Mit meinen alten Schulfreunden erinnere ich mich ebenfalls gerne an die alten Tage zurück und peinliche Aktionen verwandeln sich im Nachhinein in biografische oder zumindest erzählerische Highlights. 

Unter alten Studienfreundinnen wird Kommilitonen, mit denen bei Licht besehen, nie was Ernsthaftes gelaufen wäre, als verpassten Chancen hinterhergetrauert. In Ehekrisenzeiten habe ich schon manchen zum Glück ahnungslosen ehemaligen Studienfreund zur vermeintlichen Rettung meines damals als gescheitert betrachteten Lebens auserkoren. („Hätte ich damals…“) 

Woher kommt dieser Hang des Menschen zum Verklären der Vergangenheit? Bei mir taucht er oft auf, wenn es in der Gegenwart nicht so prickelnd läuft. Es ist die Sehnsucht nach Erlösung, nur nach rückwärts gerichtet. Das kann man auch in der aktuellen Politik beobachten, in der die klaren Verhältnisse eines Vier-Parteiensystems mit klaren Lagern im Rückblick wie das gelobte Land erscheinen. 

Wenn man ehrlich ist, würde man wahrscheinlich zugeben, dass die Schulzeit oft langweilig oder traumatisch war (je nach dem) und vieles Interessante (zum Beispiel, was das andere Geschlecht betrifft) sich leider oft nur im Kopf abgespielt oder man sich vielleicht auch bis auf die Knochen blamiert hat (und es in der Fantasie zu belassen wäre klüger gewesen). Auch im Studium hatte man damals seine Gründe, warum man x oder y nicht ins Bett gezerrt hat oder gar seine Verliebtheit gestanden, in die man sich meist auch nur verrannt hatte. Und die Kohlzeit mag klare politische Lager gehabt haben, zeichnete sich aber eben auch durch Reformstau aus. Und durch „Birne“ – Karikaturen in der Anfangszeit und die Spendenaffäre am Ende. 

Der Mensch schaut gerne wehmütig oder gerührt zurück. Besonders, wenn es ihm an positiven Visionen für die Zukunft mangelt. Oder wenn er eben  an der Gegenwart leidet. Dabei sollte er sich klarmachen, die graue Gegenwart von heute ist oft die verklärte Vergangenheit von morgen. 

Schlaflos im Odenwald

Es gab ja mal diesen Film „Schlaflos in Seattle“ mit Tom Hanks und der noch ungebotoxten Meg Ryan. Eine klassische romantische Komödie. In Wirklichkeit ist Schlaflosigkeit wenig romantisch  Sie zerrt an den Nerven, führt zu Fehlern am nächsten Tag und macht je nach Temperament oder Situation aggressiv oder depressiv.

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Heute Nacht habe ich wieder mal miserabel geschlafen, so dass ich im Unterricht vor lauter Müdigkeit echte Wortfindungsstörungen hatte. Ich meinte, vielleicht kündige sich so ein Migräneschub an, worauf ein Schüler trocken sagte: „Vielleicht haben Sie auch einen Gehirntumor.“

Seufz. Ich glaube eher nicht. Aber ich bin nicht allein: Durch Zufall entdeckte ich, dass eine Freundin auch wach war und wir chatteten kurz, ein Freund schickte mir wenig später einen Link, war also auch wach.

Es ist zwar tröstlich, festzustellen, dass andere auch wach sind, aber zu surfen oder zu chatten macht eher noch wacher und man kann erst recht nicht einschlafen. Genausowenig war es clever von mir, die Zeit zu nutzen und um Zwei noch einen Blog zu schreiben, wobei meine Mutter früher immer nachts geschrieben hat, weil sie da angeblich am kreativsten war. Als Kind dachte ich immer, die spinnt, tja. 

Leider neige ich auch dazu, wenn ich schonmal aufgestanden bin, weil ich aufs Klo musste, gleich noch die Abzweigung in die Küche zu nehmen. Es heißt ja immer, zu wenig Schlaf mache dick, weil man dann vermehrt Cortisol ausschütte – vielleicht liegt es aber auch an den nächtlichen Kühlschrankgängen…

Gut dagegen sind: Tee trinken, Massageöl auftragen oder im „Spiegel“ lesen. Wenn es schon Fünf war, habe ich manchmal auch einfach den Tag begonnen, bin aufgestanden und habe mich mit Kaffee in den Sessel gesetzt und ein Buch gelesen oder sogar am Schreibtisch die aktuelle Klassenarbeit oder Klausur weiter korrigiert. An solchen Tagen ist man dann allerdings spätestens um Eins stehend k. o.  und sollte auf keinen Fall längere Pausen im Arbeitsvormittag haben, weil einen sonst sofort eine Lawine von bleierner Müdigkeit überrollt. Ungünstig sind auch quicklebendige Unterstufenschüler oder verquatschte und giggelnde Pubertierende. Ideal dagegen ist die Kursstufe, weil man hier auf jeden Fall stets der Fitteste sein wird. Und falls nicht, wird man oft  verständnisvoll aufgemuntert. Als die Kinder klein waren und die Nächte anstrengend, fragten mich die Abis oft: „Na, auch zu lange weg gewesen?“ Dass man aus anderen Gründen nicht schlafen kann, hat man in dem Alter eher nicht auf dem Schirm. Manchmal befürchtete ich, durch mein abschreckendes Beispiel mit an der Geburtenarmut in Deutschland schuld zu sein. 

Jedenfalls habe ich mir heute einen Wecker gekauft und werde das Handy im Flugmodus in meine Nachttischschublade tun, in einen  anderen Raum schaffe ich noch nicht. (Handysucht, wie mein Tochter nüchtern konstatiert.) Ziel ist es, nachts nicht das Smartphone in die Hand zu nehmen, sondern nur aufs Klo zu gehen und dann einfach weiterzuschlafen. Ohne Umwege. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Wenn Wechseljahre auf Pubertät treffen

…. dann gucken die Männer im Hause Mutter und Tochter hilflos zu und ducken sich weg.  So oder so ähnlich lautete mal der Text über einen Fernsehbeitrag zu der Reihe „36 Grad“ zu diesem Thema. 

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Damals fiel mit zum ersten Mal auf, dass das bei uns so sein würde: meine Wechseljahre würden mit der Pubertät meiner Tochter zusammenfallen. Jetzt sind wir beide etwas früher dran als gedacht und mittendrin in dem hormonellen Wahnsinn. Und was soll ich sagen? Es ist wider Erwarten bisher eher angenehm: Wir beiden heulen schnell und lachen schnell und kriegen schnell Zornesausbrüche und beruhigen uns schnell. Sieht von außen alles anstrengend aus wahrscheinlich, ist aber irgendwie vollkommen okay. Man hat nämlich immer das Gefühl, dass da jemand ist, der einem in seinem Wechselbädern der Emotionen nachvollziehen kann. Und das hatte ich zum Beispiel in meiner Pubertät zu Hause nie: Wie oft lag ich da abends heulend im Bett mit heißen Tränen und der verzweifelten Gewissheit, dass meine Mutter mich so gar nicht versteht.

Jetzt tröstet mich meine Tochter, wenn ich Liebeskummer habe oder ich sie, wenn ihre Haarfärbeexperimente mal daneben gingen. Wir sind irgendwie ein Mädelsteam geworden, vermutlich, weil bei uns die Jungs und die Mädels in der Familie sich nach der Trennung aufgeteilt haben. Bei Schülerinnen habe ich das auch schon beobachtet, dass die mit ihrer geschiedenen Mama ein Team sind und erstaunlich nett über ihre Mütter sprechen.

Natürlich nerven wir uns gegenseitig auch mal, wenn ich zum Beispiel zu sehr von meinem neuen Partner schwärme oder wenn meine Tochter praktisch zweimal die Woche einen neuen Haarfärbeplan hat. Aber dafür bin ich beim Scheitern meiner vorigen Beziehung (nach der Ehe wieder frisch auf dem Markt und verliebt wie mit 15) von meiner Tochter in den Arm genommen worden, wenn ich mal wieder tränenüberströmt und teeniehaft an der Welt verzweifelnd dasaß. („Ach Mama, der… ist doch eine Mülltonne, der findet nie wieder so eine tolle Frau wie dich!“) Sie ihrerseits kann darauf bauen, dass ich Verzweiflungs- und Zornesausbrüchen über das Elend des Schülerdaseins verständnisvoll begegne. („Ach komm, Schatz, in zwei Tagen ist schon Wochenende!“)

Schön auch die Momente, wo man gemeinsam vorm Fernseher heult oder sich beim Stofftierspielen schlapplacht. (Ja, wir haben einen Klugscheißer-Pinguin und einen ADHS-Tiger, mit denen wir quasi alle innerfamiliären Probleme von Hausaufgaben-Unlust bis Weltschmerz lösen.) Und was die vulkanartigen Heul- und Wutausbrüche  auf beiden Seiten betrifft, die sind bei uns mal größer und mal kleiner, aber immer schnell vorbei. 

Insgesamt, würde ich bis jetzt sagen: eine verrückte Zeit, aber eine intensive Zeit!

Nur Mut! – Vom polynesischen Segeln

Als ich in Kur war, hat der großartige Gunther Schmidt, uns, größtenteils Menschen, die in der Krise waren oder sie gerade überstanden hatten, zu dem ermuntert, was er polynesisches Segeln nannte: Einfach mal lossegeln und dann mal gucken, an welchen Inseln man so vorbeikommt.

Meine Schüler glauben ja mehrheitlich, alle Erwachsenen wüssten Bescheid. Hätten einen Plan. Und fühlen sich schrecklich, wenn sie den nicht haben.

Ich bin nach dem Abi rechtschaffen polynesisch losgesegelt, wie ich im Nachhinein feststellen muss. Ich habe Germanistik und Soziologie studiert, weil das das Ergebnis meines Durchforstens des großen grün-gelben Studienführers war. Ich dachte, ich versuche das mal, und meine Eltern haben mich machen lassen, haben mir vertraut. Dann habe ich gemerkt, das passt nicht, ich will nicht nur geschwollen daherlabern, ich will lieber Lehrerin werden und an der Basis arbeiten. Ich war mit einer netten Kommilitonin befreundet, die hatte noch Politologie. Da hingen coole Leute rum und schon studierte ich Politik und Deutsch auf Lehramt und hatte eine super Zeit mit den Leuten da. Die Freundin habe ich heute noch. Und der Lehrerjob erwies sich als echter Glücksfall. Glücklich auf einer Insel angekommen durch beherztes Lossegeln. 

Polynesisches Segeln heißt aber auch: Manchmal muss man sich trauen, einfach mal loszuziehen, um etwas zu verändern, weil man merkt, so wie es ist, geht es nicht mehr. Viele Menschen trauen sich nicht, weil sie tausend Wenn und Aber bedenken.

Ich persönlich hatte früher fürs Private durchaus einen Plan: mit Mitte Dreißig wollte ich Ehemann, Haus und zwei Kinder. Hat alles geklappt. Aber, wie es die eine Karte auf dem Tisch Kalender in der Kurklinik ganz treffend ausdrückte: „Es lief alles nach Plan, doch der Plan war scheiße.“ 

Irgendwann merkte ich, daß geht so nicht mehr, der Plan funktioniert für mich nicht. Bis ich mich traute, zu gehen, vergingen Jahre. Ich ging und was passierte? Weder drehte ich durch vor Überbelastung noch wurden meine Kinder gestört noch blieb ich allein. Es wurde unfassbarerweise alles gut. Ich bin glücklich auf einer neuen Insel angekommen. Was nicht heißt, dass nicht Klippen überwunden werden mussten, aber es hat sich gelohnt. Menschen, die ich nur flüchtig kenne, haben mir damals zu meinem Mut gratuliert, sie würden ja auch gerne was ändern, aber sie würden sich nicht trauen.

Wie viele Menschen stecken in etwas fest, in dem sie nicht mehr glücklich sind: ihr Job, ihre Beziehung, ihr Wohnort, was auch immer. Gerade in der Lebensmitte muss man sich manchmal, wie nach dem Schulabschluss, (nochmal) neu ausrichten und sich fragen: was will ich? Oder: will ich das noch? Und dann kennt man vielleicht nur eine grobe Richtung, wo es hingehen soll. Aber das reicht: Segel hoch und los! 

Manchmal fühle ich mich so müde

… seufzte  Majestix, der Gallierhäuptling aus „Asterix“ immer, wenn ihn seine bekloppten Diener mal wieder vom Schild fallen ließen.

So geht es mir zur Zeit ständig: Wenn ich morgens und abends kaum lesen kann, weil sich die Augen trotz Brille nicht mehr scharfstellen wollen (Gleitsichtbrille in Auftrag gegeben), wenn die mysteriöse Schleimbeutelentzündung an den Ellenbogen nicht heilen will (manuelle Therapie hilft etwas, tut aber sauweh), wenn die Schüler topfit sind und sich gut gelaunt freestylemäßig unterhalten oder die Hausaufgaben vergessen haben (ich greife natürlich durch, aber manchmal möchte ich mich nur aufs Pult legen und schlafen), wenn meine Tochter ihre Hausaufgaben in Mathe nicht machen will (ich bleibe ruhig, aber eigentlich möchte ich nur meine Ruhe oder ein bisschen weinen vor Erschöpfung, je nach Stimmung), wenn junge Kollegen irritierend dynamisch durch die Flure rennen (die jungen Eltern nicht, die schlafen genauso schlecht wie ich und schleichen).

Heute habe ich mich müde gefühlt, als ich erst heute Abend festgestellt habe, wie man hier den „Gefällt mir“ – Button aktiviert.

Ihr könnt ihn jetzt also drücken, ich würde mich freuen. Ich gucke mir es gleich morgen an. Aber jetzt gehe ich erstmal schlafen, ich bin sooooo müde.