„Ich bin okay, du bist okay“

… sagte ein Kollege immer, wenn er schon etwas angeschickert war und die gewohnte kritische Grundhaltung einem milderen Licht wich. 

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Ja, sich selbst zu lieben, ist zentral. Ich habe allerdings, wie hier ja auch angedeutet wird, die Erfahrung gemacht, dass es andere Menschen hochgradig irritiert, wenn man sich selbst okay findet. Selbst, wenn man die anderen auch okay findet.

Daran musste ich denken, als ich heute diesen Beitrag las. 

Vielleicht sollten wir uns selbst und die anderen auch nüchtern mit einem liebevolleren Blick betrachten. 

In einem gewissen Alter…

(Anmerkung vorneweg: ich spreche hier ausdrücklich nur für mich, ich weiß, dass es anderen ganz anders geht.) 

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… benutzt man eine Antifaltencreme,

aber produziert gerne Lachfalten. 

… verliert man leichter die Geduld mit Dummköpfen,

aber wird milder gegenüber den Schwächen seiner Mitmenschen.

… muss man gegen die berüchtigte Apfelfigur kämpfen,

aber fühlt sich insgesamt wohl in seiner Haut.

… braucht man eine Gleitsichtbrille,

aber erkennt Scheinheiligkeit hellsichtig. 

… kriegt man graue Haare,

aber was die Leute denken, wird einem egal.

…hat man in manchen Körperteilen Schmerzen, 

aber regt sich über manchen Kleinkram gar nicht mehr auf.

… wird die Figur dicker und die Haare dünner, 

aber man weiß, was man will.

Muss man schneller lachen und weinen, 

aber liebt das Leben. 

Selbst-Bewusst-Sein

Ich war vor einem Jahr mit einem Mann zusammen, der für mich die große Liebe war. (Zumindest dachte ich das…) Mit Mitte 40 war ich verliebt wie ein Teenager.

Für mich war er ein Traummann, und auch er versprach mir die Sterne vom Himmel, wie es so schön heißt. Doch bald zeichnete sich ab, was schließlich zum Hauptthema der Beziehung werden und schließlich zu ihrem Scheitern führen sollte: Er liebte sich nicht selbst, wie er klar analysieren konnte, aufgrund Erfahrungen in Kindheit, Jugend und Studium. Der Umstand, dass ich die Frechheit besaß, mich innerlich und äußerlich im Groben gut zu finden, wie ich bin, irritierte ihn maßgeblich und auch, dass ich ihn so toll fand, war ihm unangenehm.

Überhaupt ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, wie viele Menschen in meinem Umkreis mit sich hadern: wegen ihrem Aussehen (meist wegen der Figur), ihrem Alter, verpasster Chancen usw. usw. – die Liste erscheint oft unendlich lang. 

Bei mir ist es so, dass ich jahrelang von einem Ehemann, der ursprünglich natürlich mal liebevoll und unterstützend war, niedergemacht wurde. Auch als Mutter hatte ich oft das Gefühl, dass ich nicht gerade einen guten Job machte, was mein Mann mir auch erfolgreich einredete. Nur in meinem Beruf als Lehrerin fühlte ich mich erfolgreich und erhielt (und erhalte noch) viel positives Feedback.

Irgendwann sagten meine besorgten Eltern mir, dass sie mich gar nicht mehr wiedererkennen würden: Ich sei doch mal eine so positive und lebensfrohe Frau gewesen!

Schließlich, als ich merkte, bald ist nichts mehr von mir übrig, schaffte ich den befreienden Absprung. Darauf folgte eine Phase des Suchens und Findens, die im Grunde immer noch andauert: Wer bin ich? Und wichtiger noch: Wer will ich sein?

Aber eines weiß ich inzwischen: Ich bin liebenswert und habe es verdient, dass man mich liebt. – Genau wie die goldigen Menschen in meinem Umfeld, die so an sich zweifeln. 

Ich bin gleichzeitig angekommen (in dem Sinne, dass ich mir meiner Stärken und Schwächen bewusst bin) und noch auf der Suche und am Neugierigbleiben: „Werde, der du bist.“ von Pindar ist schon immer eines meiner Lieblingszitate gewesen. 

Mondsüchtig

… hieß ein Film mit Nicolas Cage und einer grandiosen Cher, in dem man unter anderem sehen konnte, wie der Vollmond die Menschen verwandelt, indem er Sehnsüchte und Emotionen nach oben kommen lässt. 

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Auch ich bin mondsüchtig und fühle mich manchmal wie ein Werwolf, der den Mond anheulen muss. Bei mir passiert das meist in der Form von Lesen oder Schreiben oder auch exzessivem Nachdenken. 

Selbst in Zeiten, in denen ich im Normalfall problemlos schlafen konnte, war ich bei Vollmond stets hellwach und zwar auch, wenn ich gar nicht wusste, dass Vollmond ist. Es ist eine Wachheit, die nichts mit schlafsuchendem Herumgewälze oder dem berühmten Gedankenkreisen zu tun hat. Vielmehr ist es ein Wachsein im Sinne von erhöhter Aufmerksamkeit, in der man fähig ist, Gedichte zu schreiben, politische und philosophische Probleme zu durchdenken oder Entschlüsse für das eigene Leben zu fassen. Man sieht die Dinge plötzlich klarer, ist im Denken wacher, als würden unter dem Einfluss des Mondlichts Sachen erhellt, die sonst im Dunklen liegen.

Ich fand es übrigens immer bemerkenswert, dass alle anderen mir bekannten Sprachen einen weiblichen Mond haben, der das Geheimnisvolle, Magische und Emotionale der Frau betont, während bei uns Deutschen der Mond der gemütliche pfeifenrauchende Alte ist, der seine Schäfchen hütet. Dabei scheint ja schon der Monatszyklus nahezulegen, dass das Weibliche und der Mond zusammengehören.

Auf jeden Fall sind Mond und Sonne wohl immer als Paar gedacht, als Mann und Frau oder in der Mythologie und Psychologie als zwei komplementäre Prinzipien, für mich immer noch am schönsten im Symbol des Yin und Yang dargestellt. In der chinesischen Philosophie der Lebensführung wird besonders deutlich, dass der Mensch beiden Anteilen in sich ausreichend Berücksichtigung schenken muss: der Kraft und Leidenschaft des männlichen Yang, dem die Sonne zugeordnet werden kann, und der Entspannung und Achtsamkeit  des weiblichen Yin, das durch den weiblichen Mond symbolisiert wird.

Gerade in unserer dauergestressten Beschleunigungsgesellschaft, gibt es eine tiefe Sehnsucht nach den Werten des Yin: nach Ruhe, Kraftschöpfen und einem Sichfallenlassen. Der Begriff der Hingabe umfasst für mich dabei das Zusammentreffen von Yin und Yang: hier verbinden sich Leidenschaft und Empfängnisbereitschaft. Dies zeigt sich aufs Schönste im kreativen Flow, aber auch in der Liebe, der Urkraft allen Seins.

Jetzt hat mich der Mond mal wieder philosophisch gemacht.

„Und die Melancholie umhüllte ihn wie ein warmer dunkler Mantel“

… heißt es in Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“ und ist mein Literatur-Lieblingszitat forever. Ich bin als Novemberkind naturgemäß anfällig für Melancholie und gebe zu, manchmal brauche es das einfach, mich mit Decke in den Sessel zu kuscheln, den großartigen Leonard Cohen zu hören, einer Kerze beim Flackern zusehen und meinen Gedanken nachzuhängen.

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Herbst und Winter eigenen sich durch die frühe Dunkelheit dafür besonders gut, im Frühling und Sommer ist eher Aufbruch und Rausgehen und Geselligkeit angesagt.

Ich muss zugeben, dass ich in der sogenannten dunklen Jahreszeit immer  besonders merke, dass der Mensch eigentlich ein Tier ist. Was bin ich müde, wenn an manchen Tagen das Morgengrauen fließend in den bedeckten Himmel und schließlich in die Abenddämmerung übergeht … Eben habe ich mich vertippt und „Morgendämmerung“ geschrieben. Das trifft es ganz gut: Manchmal hat man das Gefühl, es dämmert schon am Morgen. An solchen Tagen setzt man sich gerne mit einem Tee in den Sessel und lauscht Leonard Cohen. 

Zum Glück gibt es auch die klirrend kalten, aber sonnigen Tage, das ist mein Wetter! An solchen Tagen bin ich hellwach, voller Tatendrang und habe immer ein Lächeln auf den Lippen.

Ja, man kann durchaus auch in den dunklen Monaten gut drauf sein und bis Weihnachten liebe ich diese Zeit auch sehr: Tannenduft und Plätzchenbacken, die Wohnung adventlich „verschickern“, wie meine Tochter sagt. Das alles finde ich herrlich und genieße es in vollen Zügen. 

Als Jugendliche hat mir mal eine runtergebrannte Kerze den Adventskranz etwas  in Brand gesetzt., aber sonst habe ich nur nostalgische Erinnerungen an diese Zeit… Heute mache ich es mir immer bewusst gemütlich jeden Tag und lege den Entschleunigungsgang ein und versuche das auch meinem Schülern zu vermitteln, indem ich manchmal etwas Besinnliches im Unterricht mache. Ich versuche gegen die häufig um sich greifende weihnachtliche Hektik gegenzusteuern.

Nach der chinesischen Philosophie des Yin und Yang ist der Winter die Zeit des Yin und man sollte ihn nutzen, um sich zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Wie ein Bekloppter von einer vorweihnachtlichen Verpflichtung zur anderen zu hetzen ist da eher kontraproduktiv.

Ach ja, und nach Silvester kann wegen mir auch gleich das Frühjahr beginnen!

Nostalgie allenthalben – Die Sehnsucht des Menschen nach den „alten Zeiten“

Kaum sind meine Abis aus der Schule raus, wird die gemeinsame Zeit gerne verklärt und ehemalige Horrorerlebnisse werden alsbald zu gern erzählten Anekdoten.

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Mit meinen alten Schulfreunden erinnere ich mich ebenfalls gerne an die alten Tage zurück und peinliche Aktionen verwandeln sich im Nachhinein in biografische oder zumindest erzählerische Highlights. 

Unter alten Studienfreundinnen wird Kommilitonen, mit denen bei Licht besehen, nie was Ernsthaftes gelaufen wäre, als verpassten Chancen hinterhergetrauert. In Ehekrisenzeiten habe ich schon manchen zum Glück ahnungslosen ehemaligen Studienfreund zur vermeintlichen Rettung meines damals als gescheitert betrachteten Lebens auserkoren. („Hätte ich damals…“) 

Woher kommt dieser Hang des Menschen zum Verklären der Vergangenheit? Bei mir taucht er oft auf, wenn es in der Gegenwart nicht so prickelnd läuft. Es ist die Sehnsucht nach Erlösung, nur nach rückwärts gerichtet. Das kann man auch in der aktuellen Politik beobachten, in der die klaren Verhältnisse eines Vier-Parteiensystems mit klaren Lagern im Rückblick wie das gelobte Land erscheinen. 

Wenn man ehrlich ist, würde man wahrscheinlich zugeben, dass die Schulzeit oft langweilig oder traumatisch war (je nach dem) und vieles Interessante (zum Beispiel, was das andere Geschlecht betrifft) sich leider oft nur im Kopf abgespielt oder man sich vielleicht auch bis auf die Knochen blamiert hat (und es in der Fantasie zu belassen wäre klüger gewesen). Auch im Studium hatte man damals seine Gründe, warum man x oder y nicht ins Bett gezerrt hat oder gar seine Verliebtheit gestanden, in die man sich meist auch nur verrannt hatte. Und die Kohlzeit mag klare politische Lager gehabt haben, zeichnete sich aber eben auch durch Reformstau aus. Und durch „Birne“ – Karikaturen in der Anfangszeit und die Spendenaffäre am Ende. 

Der Mensch schaut gerne wehmütig oder gerührt zurück. Besonders, wenn es ihm an positiven Visionen für die Zukunft mangelt. Oder wenn er eben  an der Gegenwart leidet. Dabei sollte er sich klarmachen, die graue Gegenwart von heute ist oft die verklärte Vergangenheit von morgen. 

Schlaflos im Odenwald

Es gab ja mal diesen Film „Schlaflos in Seattle“ mit Tom Hanks und der noch ungebotoxten Meg Ryan. Eine klassische romantische Komödie. In Wirklichkeit ist Schlaflosigkeit wenig romantisch  Sie zerrt an den Nerven, führt zu Fehlern am nächsten Tag und macht je nach Temperament oder Situation aggressiv oder depressiv.

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Heute Nacht habe ich wieder mal miserabel geschlafen, so dass ich im Unterricht vor lauter Müdigkeit echte Wortfindungsstörungen hatte. Ich meinte, vielleicht kündige sich so ein Migräneschub an, worauf ein Schüler trocken sagte: „Vielleicht haben Sie auch einen Gehirntumor.“

Seufz. Ich glaube eher nicht. Aber ich bin nicht allein: Durch Zufall entdeckte ich, dass eine Freundin auch wach war und wir chatteten kurz, ein Freund schickte mir wenig später einen Link, war also auch wach.

Es ist zwar tröstlich, festzustellen, dass andere auch wach sind, aber zu surfen oder zu chatten macht eher noch wacher und man kann erst recht nicht einschlafen. Genausowenig war es clever von mir, die Zeit zu nutzen und um Zwei noch einen Blog zu schreiben, wobei meine Mutter früher immer nachts geschrieben hat, weil sie da angeblich am kreativsten war. Als Kind dachte ich immer, die spinnt, tja. 

Leider neige ich auch dazu, wenn ich schonmal aufgestanden bin, weil ich aufs Klo musste, gleich noch die Abzweigung in die Küche zu nehmen. Es heißt ja immer, zu wenig Schlaf mache dick, weil man dann vermehrt Cortisol ausschütte – vielleicht liegt es aber auch an den nächtlichen Kühlschrankgängen…

Gut dagegen sind: Tee trinken, Massageöl auftragen oder im „Spiegel“ lesen. Wenn es schon Fünf war, habe ich manchmal auch einfach den Tag begonnen, bin aufgestanden und habe mich mit Kaffee in den Sessel gesetzt und ein Buch gelesen oder sogar am Schreibtisch die aktuelle Klassenarbeit oder Klausur weiter korrigiert. An solchen Tagen ist man dann allerdings spätestens um Eins stehend k. o.  und sollte auf keinen Fall längere Pausen im Arbeitsvormittag haben, weil einen sonst sofort eine Lawine von bleierner Müdigkeit überrollt. Ungünstig sind auch quicklebendige Unterstufenschüler oder verquatschte und giggelnde Pubertierende. Ideal dagegen ist die Kursstufe, weil man hier auf jeden Fall stets der Fitteste sein wird. Und falls nicht, wird man oft  verständnisvoll aufgemuntert. Als die Kinder klein waren und die Nächte anstrengend, fragten mich die Abis oft: „Na, auch zu lange weg gewesen?“ Dass man aus anderen Gründen nicht schlafen kann, hat man in dem Alter eher nicht auf dem Schirm. Manchmal befürchtete ich, durch mein abschreckendes Beispiel mit an der Geburtenarmut in Deutschland schuld zu sein. 

Jedenfalls habe ich mir heute einen Wecker gekauft und werde das Handy im Flugmodus in meine Nachttischschublade tun, in einen  anderen Raum schaffe ich noch nicht. (Handysucht, wie mein Tochter nüchtern konstatiert.) Ziel ist es, nachts nicht das Smartphone in die Hand zu nehmen, sondern nur aufs Klo zu gehen und dann einfach weiterzuschlafen. Ohne Umwege. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.