Denke anders, lebe anders

Auf mich trifft das 100 Prozent zu. Ich dachte, ich hätte alle Entscheidungen für immer getroffen, Haus, Ehe, Kinder – Leben geplant bis zur Pension. War ja so eine Sicherheitsfanatikerin.

Seit dem 4. September 2015 ist mein Leben ein völlig anderes.

Ich habe mich nämlich gefragt:

Was will ICH?

WAS will ich?

Was WILL ich?

Die Weisheiten von den Fotos sind aus dem Buch von Streleck, das damals noch nicht geschrieben war.

Mich hat damals der Roman „Zwei an einem Tag“ sehr beeindruckt, in dem klar wurde, wie sehr sich das Leben aufgrund von Entscheidungen wandeln kann.

Auch das Marc-Aurel-Zitat „Im Laufe der Zeit nimmt die Seele die Farben der Gedanken an“ hatte schon Jahre zuvor bei mir was ausgelöst.

Ab und an im Leben muss man einfach innehalten und sich fragen, ob man noch auf einem Weg ist, der zu einem passt.

Das bedeutet nicht, dass man versagt oder falsche Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen hat, sondern dass man sich wandelt und die Menschen um einen herum und andere äußerliche Gegebenheiten eben auch…

Nur Mut! – Vom polynesischen Segeln

Als ich in Kur war, hat der großartige Gunther Schmidt, uns, größtenteils Menschen, die in der Krise waren oder sie gerade überstanden hatten, zu dem ermuntert, was er polynesisches Segeln nannte: Einfach mal lossegeln und dann mal gucken, an welchen Inseln man so vorbeikommt.

Meine Schüler glauben ja mehrheitlich, alle Erwachsenen wüssten Bescheid. Hätten einen Plan. Und fühlen sich schrecklich, wenn sie den nicht haben.

Ich bin nach dem Abi rechtschaffen polynesisch losgesegelt, wie ich im Nachhinein feststellen muss. Ich habe Germanistik und Soziologie studiert, weil das das Ergebnis meines Durchforstens des großen grün-gelben Studienführers war. Ich dachte, ich versuche das mal, und meine Eltern haben mich machen lassen, haben mir vertraut. Dann habe ich gemerkt, das passt nicht, ich will nicht nur geschwollen daherlabern, ich will lieber Lehrerin werden und an der Basis arbeiten. Ich war mit einer netten Kommilitonin befreundet, die hatte noch Politologie. Da hingen coole Leute rum und schon studierte ich Politik und Deutsch auf Lehramt und hatte eine super Zeit mit den Leuten da. Die Freundin habe ich heute noch. Und der Lehrerjob erwies sich als echter Glücksfall. Glücklich auf einer Insel angekommen durch beherztes Lossegeln. 

Polynesisches Segeln heißt aber auch: Manchmal muss man sich trauen, einfach mal loszuziehen, um etwas zu verändern, weil man merkt, so wie es ist, geht es nicht mehr. Viele Menschen trauen sich nicht, weil sie tausend Wenn und Aber bedenken.

Ich persönlich hatte früher fürs Private durchaus einen Plan: mit Mitte Dreißig wollte ich Ehemann, Haus und zwei Kinder. Hat alles geklappt. Aber, wie es die eine Karte auf dem Tisch Kalender in der Kurklinik ganz treffend ausdrückte: „Es lief alles nach Plan, doch der Plan war scheiße.“ 

Irgendwann merkte ich, daß geht so nicht mehr, der Plan funktioniert für mich nicht. Bis ich mich traute, zu gehen, vergingen Jahre. Ich ging und was passierte? Weder drehte ich durch vor Überbelastung noch wurden meine Kinder gestört noch blieb ich allein. Es wurde unfassbarerweise alles gut. Ich bin glücklich auf einer neuen Insel angekommen. Was nicht heißt, dass nicht Klippen überwunden werden mussten, aber es hat sich gelohnt. Menschen, die ich nur flüchtig kenne, haben mir damals zu meinem Mut gratuliert, sie würden ja auch gerne was ändern, aber sie würden sich nicht trauen.

Wie viele Menschen stecken in etwas fest, in dem sie nicht mehr glücklich sind: ihr Job, ihre Beziehung, ihr Wohnort, was auch immer. Gerade in der Lebensmitte muss man sich manchmal, wie nach dem Schulabschluss, (nochmal) neu ausrichten und sich fragen: was will ich? Oder: will ich das noch? Und dann kennt man vielleicht nur eine grobe Richtung, wo es hingehen soll. Aber das reicht: Segel hoch und los!