Nähe und Distanz – eine Reflexion über meine Bedürfnisse

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Natürlich brauche ich wie jeder Mensch die Nähe zu anderen. Im Allgemeinen gelte ich als aufgeschlossener, offener Mensch, der gerne Kontakte knüpft.

Trotzdem sind mir andere Menschen oft zu viel. Da ich sehr empfänglich für die Energien bin, die andere aussenden, erschöpft es mich, wenn ich (zu) viel mit anderen Menschen zusammen bin. Ich brauche sehr viel Zeit für mich allein, um aufzutanken, mich zu regenerieren.

Mit anderen Familien in Urlaub zu fahren oder im Alter in einer WG zusammenzuwohnen, mag für andere ein Ideal oder gelebte erfüllte Realität sein, für mich kommt es, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, eher nicht in Frage. Als zu anstrengend empfände ich auf Dauer die Temperamente und Launen der anderen, und zu anstrengend wäre es auch für mich, mich dauernd zurückzunehmen.

Da schlägt vermutlich mein Aufwachsen als Einzelkind und meine Freiheitsliebe durch. Ich lebe ja auch mit meinem jetzigen Partner nicht zusammen und finde das okay und habe das Teilen des Alltags in meiner früheren Ehe als Ursache für die sinnfreiesten Streitigkeiten überhaupt erlebt. Nie wieder will ich mich über so einen Quatsch streiten müssen!

Prima klar komme ich in meinem Alltag dagegen mit meiner Tochter, obwohl sie in der gefürchteten Pubertät ist. Warum? Sie ist entspannt, witzig, nicht nachtragend und dabei selbstbewusst, ohne sich selbst übermäßig wichtig zu nehmen. Und sie erträgt mich prima jeden Tag, ohne dass ich großartig die pädagogisch wertvolle Mutter oder überhaupt irgendwas sein muss. Wir sind beide einfach, wie wir sind.

Dieses Einfach-so-Sein geht mit meinem Sohn auch, der allerdings beim Papa wohnt. Und mit meinem Schatz funktioniert das ebenfalls. Wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass es nicht (mehr) so ist, wäre das das Ende der Beziehung. Da gehe ich keine Kompromisse mehr ein.

„Die Eiskönigin“ – wie man einen Film je nach Lebenssituation völlig anders ansehen kann

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Als ich damals mit meinen Kindern in der Disneyverfilmung „Die Eiskönigin“ war, ging es mir ehrlich gesagt beschissen. Den monatlichen Kinobesuch mit anschließend Pizzaessen hatte ich eingeführt, um mir und den Kindern das Gefühl zu geben, sie hätten eine schöne Kindheit, obwohl ihre Mutter total am Ende war und einfach nur versuchte, den Tag zu überstehen. Ich war sehr unglücklich in meiner Ehe, hatte immer wieder lange und schlimme depressive Phasen, die ich nicht richtig behandeln ließ, weil ich sie vor meinem Mann runterspielte, der nach der pränatalen Depression nach der Geburt meines Sohnes geschworen hatte, mich zu verlassen, wenn ich nochmal depressiv würde. Gleichzeitig galt ich im Job als sogenannte „starke Frau“, was einigen (übrigens nur Frauen) schwer auf die Nerven ging.

Ins Kino ging ich aber nicht nur wegen der Kinder, sondern auch um selbst mal was Schönes zu machen. Ich fand und finde die sogenannten Kinder- und Jugendfilme eigentlich immer gut und unterhaltsam.

Nun saßen wir also in den roten Kinosesseln, ich wie immer zwischen meinen Kindern, und die große Gesangsszene kam, wo sie den Titelsong „Let it go“ singt, und alles vereisen lässt und sich selbst ein einsames Eisschloss schafft. Und da gab es für mich kein Halten mehr: Gott, habe ich geheult ! Alle Verzweiflung, aller Kummer brach aus mir heraus, was fühlte ich mit mit diesem armen Mädchen, das durch Berührung ihrer Hände alles zu Eis gefrieren ließ und daher allen Angst machte und nun in die Einsamkeit geflohen war!

Ich bebte richtig vor Schluchzen, es war Katharsis, ganz im Sinne von Aristoteles, eine seelische und körperliche Erfahrung. Mein Sohn versuchte mich zu trösten und zu beruhigen. Meine Tochter dagegen verstand null, warum mich das so anrührte: Aber Mama, warum heulst du denn, sie ist doch jetzt frei?! – Aber sie ist total einsam (schluchz) und musste die Menschen verlassen, die sie liebt (schluchz) und alle haben Angst vor ihr (Heulbeben).

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Heute führe ich ein total anderes Leben. Ich habe mir ein Herz gefasst und meinen Mann verlassen, das von negativer Energie erfüllte Haus zurückgelassen und mir eine Wohnung gesucht, in der ich wieder atmen konnte. Hier führe ich mit meiner Tochter eine entspannte Mädels-WG und mein Sohn kommt gerne vorbei.

Wir haben „Die Eiskönigin“ natürlich auf DVD und heute kann ich den Film ganz anders gucken, wie einen normalen Disney-Film. Ich kann mich an den lustigen Szenen erfreuen, mitfiebern und mitsingen, alles ohne Tränen.

Ich habe Lust, ihn später mit meiner Tochter zu gucken und es uns zusammen gemütlich zu machen…

Warum ich keine „Karriere“ machen will – ein nüchternes Fazit nach 2 Jahrzehnten im Job

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Nach 19 Jahren im Lehrerjob kann ich voller Überzeugung sagen: Ich will und werde in diesem Job keine „Karriere“ machen.

Das liegt vor allem an meinen Beobachtungen, WER in diesem Job Karriere gemacht hat und WELCHE FOLGEN das für das Verhalten und das Leben dieser Leute hatte.

Meine, ganz persönlichen, nicht unbedingt repräsentativen, Beobachtungen sind:

  1. Karriere machen oft nicht die Leute, die am kompetentesten sind, sondern die Menschen, die a) die beste Show machen und sich b) mit den richtigen Stellen und Personen gut stellen.
  2. Als Frau dem klassischen Frauchenschema zu entsprechen, hilft durchaus.
  3. Laute, ehrliche Charaktere und Menschen mit großer Klappe machen keine Karriere, als Frau kenne ich keinen einzigen Fall. Bei den Männern werden es auch immer weniger.
  4. In den letzten Jahren sind Visionen, große Ideen, wie Schule eigentlich sein soll, nicht mehr gefragt. Vielmehr geht es um Datenverwaltung, Vorschriften, Bürokratisierung.
  5. Wenn man einen guten Draht zu den Schülern hat und einen Topunterricht macht, bei dem die Schüler was lernen und motiviert werden, wird man von Schülern und Eltern geliebt und geschätzt. Von Schulleitung und Kollegen nicht unbedingt. Vor allem aber: Für eine Beförderung gibt es praktisch nichts, was weniger relevant wäre.
  6. Alle Kollegen, die in meiner Zeit an der Schule in höhere Positionen aufgestiegen sind, haben sich verändert. Nur eine einzige Person zu ihrem Vorteil.
  7. Wer eine Führungsposition hat, kriegt nicht nur mehr Geld aufs Konto, sondern leitet daraus anscheinend auch häufig ab, mehr wert zu sein als die Kollegen. Manche zeigen das deutlich, andere freuen sich still daran.
  8. Die gesundheitlichen Folgen einer Beförderung sind nicht zu unterschätzen. Hörsturz, Herzinfarkt, Bluthochdruck, Burnout, Darmprobleme kommen bei Personen mit mehr Verantwortung häufiger vor.(Depressionen eher in den unteren Positionen.)
  9. Die Luft da oben ist einsam, man hat jetzt automatisch mehr Kollegen gegen sich.
  10. Man gewinnt Geld und Ansehen, aber oft verliert man auch einen großen Teil seiner persönlichen Freiheit.

Andererseits… Die Sache mit dem lieben Geld (Ergänzung zum Beitrag „Panikanfall“)

Andererseits: Was bin ich froh, dass ich nicht, wie viele Frauen bei mir im Dorf zugeben, aus finanziellen Gründen bei meinem Ex geblieben bin. Ich habe schon immer mein eigenes Geld verdient, auch als die Kinder kleiner waren. Wie die kluge Coco Chanel einst bemerkte, geht Emanzipation nur mit finanzieller Unabhängigkeit.

Ich bin jetzt frei darin, Essen zu gehen oder mich wochenlang hauptsächlich von Pellkartoffeln oder Nudeln zu ernähren. (Low Carb ist zu teuer.) Ich kann mit meiner Tochter in einen Hotelurlaub fahren oder es lassen. Ich bin alleinerziehend und ich verdiene das Geld, ich bin der Bestimmer. Mein neuer Partner wohnt nicht bei meiner Tochter und mir, dadurch wird das noch verstärkt. Letztlich bleibe ich trotz Beziehung für meinen Alltag allein verantwortlich.

Und jetzt gibts halt wieder monatelang keine Extras, um die Extraausgaben abzustottern. Ich bin niemand, der ein Minus psychisch lange aushält. Mal klotzen und dann kleckern, heißt meine Devise zur Zeit. Finde ich persönlich besser, als immer zu knausern, das ist so freudlos. Bei meinem Exmann hat mich das verrückt gemacht, nie Essen zu gehen, nie einen normalen Urlaub, sich nie was gönnen. Und das hat sich auch mit neuer Partnerin nicht geändert, wie mir mein Sohn, der ja bei ihm lebt, berichtet.

Und ab September arbeite ich voll. Dann beruhigt sich die finanzielle Situation hoffentlich. Und für die Pension bringt es auch was. Geld ist eben auch ein Stück Freiheit für mich, dazu stehe ich.

„Mama, warum bleibst du so entspannt?“ – Versuch einer Erklärung🌻

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Ich hatte heute Nacht einen Alptraum, ich hetzte wie eine Bekloppte durch den Tag, getrieben von Terminen und anderen Dingen, die gemacht werden „mussten“ . Ich weiß noch, wie ich im Traum dachte: Was ist denn los, die Zeiten sind doch vorbei?!

Ich vermute, dass dieser Traum entstanden ist, weil ich durch einige Blogbeiträge zum Thema Hektik getriggert wurde und auch das Buch von Strelecky, das ich gerade fertig gelesen habe, sich mit der Problematik des Getriebenseins beschäftigt.

Warum aber fühle ich mich nicht mehr getrieben, bleibe oft entspannt zur Verwunderung meiner Tochter und anderen?

Ich glaube, dafür gibt es mehrere Gründe:

Ich habe in meinem Job und als Mutter einfach mehr Routine als früher.

Fehler zu machen, macht mir nicht mehr solche Angst.

Es gibt keine „Alltagskämpfe“ mehr über Haushalt, Finanzen und Kindererziehung, weil ich alleinerziehend bin und mich finanziell selbst versorge.

In meinem Haushalt dürfen sich nur noch Personen mit positiver Energie aufhalten.

Ich versuche nicht mehr, irgendwelche Vorgaben von anderen zu erfüllen, um eine gute Mutter, Hausfrau, Ehefrau oder Lehrerin zu sein.

Dadurch habe ich plötzlich wahnsinnig viel Zeit und Energie übrig, weil die ganzen Reibungsverluste wegfallen.

Mit anderen Worten: ich werde nicht mehr von außen gesteuert, sondern von innen.

Alleinsein – ein Lebensgefühl

Seit ich denken kann, ist Alleinsein mein Lebensgefühl. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein unfreiwilliges Einzelkind bin.

Ich erinnere mich an zahlreiche Situationen in der Pubertät, wo ich abends heulend nach einem Streit mit meiner Mutter auf dem Bett lag und mein Vater kam und mich bat, ich möge mich entschuldigen. Dabei war ich einfach nur, wie ich bin. Niemals wieder habe ich mich so unverstanden und ungerecht behandelt und ausgeliefert gefühlt. Um des lieben Friedens willen entschuldigte ich mich, aber die Verletzungen blieben.

Das Verhältnis zu meinem Kindern ist viel offener und mehr auf Augenhöhe. Wir können uns alle entschuldigen und ich habe oft das Gefühl, niemand versteht mich so gut wie sie. Und wenn sie verzweifelt oder zornig wegen etwas in ihrem Leben sind, versuche ich immer zu signalisieren, dass ich sie verstehen kann. Was auch stimmt.

In meiner ersten Ehe, war ich sehr allein, buchstäblich allein gelassen wie in ein Gefängnis habe ich mich gefühlt. Habe aber tapfer versucht zu lächeln und für die Kinder da zu sein. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Waren überfordert, war ich doch immer ein so gut funktionierendes Kind gewesen, das alles mit sich alleine ausgemacht hat.

Jetzt bin ich alleinerziehend. Mein neuer Mann wohnt nicht bei mir. Wir haben eine Fernbeziehung. Wenn es mit meiner Tochter Probleme wegen ihrer traumatischen Grundschulzeit gab, war mir wieder bewusst, wie allein ich bin. Für meinen Exmann war ich die unfähige Mutter und an allem schuld, er verstand seine Tochter überhaupt nicht. Und so sah ich mich allein an allen Fronten: Musste mein verzweifeltes Kind beruhigen, die tyrannische Schulleiterin höflich behandeln und mich gegen die Vorwürfe meines Exmanns zur Wehr setzen. Und bei alledem nicht durchdrehen. Ich war sehr erleichtert, als ich Hilfe bei einer Erziehungsberatung suchte und diese mir versicherte, ich sei normal und meine Tochter auch. Sie empfahl einen Schulwechsel und das zogen wir dann auch durch.

Als ich vor drei Jahren meinen damaligen Mann, mein Haus und leider auch meinen Sohn, der sein gewohntes Umfeld nicht zurücklassen wollte, verließ, hatte ich große Angst, dass ich es alleine nicht schaffen würde.

Ich hatte noch nie alleine gewohnt. Meine Tochter ist ja noch ein Kind. Aber ich habe es geschafft. Ich fragte bei manchen Dingen Freunde oder Nachbarn um Hilfe oder ließ gegen Bezahlung einen Fachmann kommen, manches ist mir auch nicht so wichtig, so dass ich manche Probleme seit der Trennung gar nicht mehr habe. Letztlich fühlt es sich toll an, allein zu sein. Man ist sein eigener Herr und macht die Dinge, wie man will. Und mit meiner Tochter bin ich ein echtes Mädchenteam. Sie ist genau wie mein Sohn durch die Trennung sehr selbstständig geworden.

Ich hoffe sehr, meine Tochter wird mal mutiger als ich sein und schneller Stopp sagen, wenn ihr etwas nicht passt. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich jetzt erst erwachsen geworden bin. Und die zwei Jahre ohne Beziehung will ich nicht missen, ich weiß jetzt, ich schaffe es, allein zu sein, und kann es sogar genießen – und das ist ein richtig gutes Gefühl, weil es mich unabhängig macht.