Nostalgie allenthalben – Die Sehnsucht des Menschen nach den „alten Zeiten“

Kaum sind meine Abis aus der Schule raus, wird die gemeinsame Zeit gerne verklärt und ehemalige Horrorerlebnisse werden alsbald zu gern erzählten Anekdoten.

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Mit meinen alten Schulfreunden erinnere ich mich ebenfalls gerne an die alten Tage zurück und peinliche Aktionen verwandeln sich im Nachhinein in biografische oder zumindest erzählerische Highlights. 

Unter alten Studienfreundinnen wird Kommilitonen, mit denen bei Licht besehen, nie was Ernsthaftes gelaufen wäre, als verpassten Chancen hinterhergetrauert. In Ehekrisenzeiten habe ich schon manchen zum Glück ahnungslosen ehemaligen Studienfreund zur vermeintlichen Rettung meines damals als gescheitert betrachteten Lebens auserkoren. („Hätte ich damals…“) 

Woher kommt dieser Hang des Menschen zum Verklären der Vergangenheit? Bei mir taucht er oft auf, wenn es in der Gegenwart nicht so prickelnd läuft. Es ist die Sehnsucht nach Erlösung, nur nach rückwärts gerichtet. Das kann man auch in der aktuellen Politik beobachten, in der die klaren Verhältnisse eines Vier-Parteiensystems mit klaren Lagern im Rückblick wie das gelobte Land erscheinen. 

Wenn man ehrlich ist, würde man wahrscheinlich zugeben, dass die Schulzeit oft langweilig oder traumatisch war (je nach dem) und vieles Interessante (zum Beispiel, was das andere Geschlecht betrifft) sich leider oft nur im Kopf abgespielt oder man sich vielleicht auch bis auf die Knochen blamiert hat (und es in der Fantasie zu belassen wäre klüger gewesen). Auch im Studium hatte man damals seine Gründe, warum man x oder y nicht ins Bett gezerrt hat oder gar seine Verliebtheit gestanden, in die man sich meist auch nur verrannt hatte. Und die Kohlzeit mag klare politische Lager gehabt haben, zeichnete sich aber eben auch durch Reformstau aus. Und durch „Birne“ – Karikaturen in der Anfangszeit und die Spendenaffäre am Ende. 

Der Mensch schaut gerne wehmütig oder gerührt zurück. Besonders, wenn es ihm an positiven Visionen für die Zukunft mangelt. Oder wenn er eben  an der Gegenwart leidet. Dabei sollte er sich klarmachen, die graue Gegenwart von heute ist oft die verklärte Vergangenheit von morgen. 

„Du wirst wie deine Mutter“

Als Kind habe ich es immer gehasst, wenn die Leute behauptet haben, ich sähe aus, wie meine Mutter. Ich wollte aussehen wie ich selbst.

Dann, als junge Frau, fand ich es gut, so auszusehen, weil ich entdeckt hatte, dass meine Mutter in ihren Zwanzigern und Dreißigern sehr attraktiv war. Und so ich trug eine Zeit lang mein Haar halblang wie sie usw.

In meiner ersten Ehe stellte ich dann fest, dass ich meinen Mann, mit „Mutti“ anbrüllte, wenn ich total außer mir war. Denn die traurige Wahrheit ist: niemand außer meiner Mutter und meinem Ex können mich so zur Weißglut bringen. Umgekehrt warf mir mein Exgatte an den Kopf, ich würde wie meine Mutter. Das sollte wohl als die Höchststufe der Beleidigung gelten. Ich glaube, viele Ehen funktionieren so.

Dann mit der beginnenden Midlife-Crisis allerorten, im Freundeskreis und bei mir selbst, musste ich feststellen, soooo schlecht hat meine Mutter ihren Job gar nicht gemacht: ich wurde humorvoll und tolerant erzogen, wir haben viel gelacht, konnten offen über Jungs reden und es war immer klar, dass meine  Eltern noch Sex hatten und das gerne. (In anderen Familien anscheinend ein Tabuthema.) Ich konnte meine Probleme jedenfalls nicht auf meine Mutter zurückführen, wie viele Frauen das in meinem Umkreis machen, ob gerechtfertigt oder nicht, keine Ahnung. Zwischendrin dachte ich bang, oje, wenn meine Tochter auch mal so über mich redet…

Inzwischen ist es so weit, dass meine Tochter angesprochen wird, dass sie und ich uns so ähnlich sähen. Und sie freut sich darüber. Unglaublich! Glück gehabt.