Denke anders, lebe anders

Auf mich trifft das 100 Prozent zu. Ich dachte, ich hätte alle Entscheidungen für immer getroffen, Haus, Ehe, Kinder – Leben geplant bis zur Pension. War ja so eine Sicherheitsfanatikerin.

Seit dem 4. September 2015 ist mein Leben ein völlig anderes.

Ich habe mich nämlich gefragt:

Was will ICH?

WAS will ich?

Was WILL ich?

Die Weisheiten von den Fotos sind aus dem Buch von Streleck, das damals noch nicht geschrieben war.

Mich hat damals der Roman „Zwei an einem Tag“ sehr beeindruckt, in dem klar wurde, wie sehr sich das Leben aufgrund von Entscheidungen wandeln kann.

Auch das Marc-Aurel-Zitat „Im Laufe der Zeit nimmt die Seele die Farben der Gedanken an“ hatte schon Jahre zuvor bei mir was ausgelöst.

Ab und an im Leben muss man einfach innehalten und sich fragen, ob man noch auf einem Weg ist, der zu einem passt.

Das bedeutet nicht, dass man versagt oder falsche Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen hat, sondern dass man sich wandelt und die Menschen um einen herum und andere äußerliche Gegebenheiten eben auch…

Liebe und Mut

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„Liebe wird aus Mut gemacht“ singt Nena in „Leuchtturm“. Ich war schon immer der Ansicht, dass es genau andersherum ist: MUT WIRD AUS LIEBE GEMACHT. Und damit meine ich nicht nur die partnerschaftliche Liebe, sondern auch Freundesliebe, Mutterliebe oder schlicht Menschenliebe.

Souveränität – wie geht das?

… dazu eine kleine Anekdote.

Als ich in Kur war, sollte ich darüber reflektieren, was mir in der Vergangenheit geholfen hatte, aus Krisensituationen wieder rauszukommen. Ich hatte auf meinem Plakat wahrheitsgemäß Freunde und Kollegen aufgeführt. Dann meinte ein junger Mann, mit dem ich mich angefreundet hatte: „Hast du nicht wen vergessen?“ Darauf ich: „Was meinst du?“ „Dich, du kannst selbst einfach souverän reagieren.“ Ich starrte ihn fassungslos an und hätte fast gelacht. Ich souverän reagieren? Das schien mir weit außerhalb des Möglichen zu sein.

Dazu muss ich sagen: inzwischen hat sich das geändert und sicher habe ich auch früher nicht gerade hilflos gewirkt. Ich habe in Krisensituationen nur immer die Kämpferin rausgeholt, die mich freigeboxt und dabei manchmal auch ein paar Leute zu viel platt gemacht hat. Oder ich habe mich einfach tot gestellt, was eine zeitlang, wie ich auch heute noch finde, durchaus sinnvoll sein kann, wenn man nämlich noch nicht Kräfte genug gesammelt hat, um sich aus einer misslichen Situation zu befreien.

Trotzdem sah ich mich dazu veranlasst, darüber nachzudenken, was für mich Souveränität als Lösungs- und Handlungsmuster bedeuten könnte. Im Grunde bin ich hier immer noch auf der Suche, habe aber ein paar vorläufige Antworten für mich gefunden:

Souveränität heißt für mich

Selbstständig und frei von der Meinung anderer zu agieren.

Professionell, sachlich und konstruktiv zu bleiben, selbst wenn man emotional sehr aufgebracht oder verletzt ist.

Seine eigenen Interessen und Werte zu vertreten.

Korrekt zu sein (um mal einen Begriff meiner Schüler zu benutzen, früher hätte man integer oder anständig, ohne die spießige Konnotation, gesagt).

Eine liebe ältere Kollegen nannte das Haltung bewahren. Was mich immer an das großartige Gedicht „Wenn“ von Kipling denken lässt, in dem er ausführt, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Die Römer haben das Virtus (Tugend, Mut, Mannhaftigkeit) genannt. Im englischen Original steht da „man“, was ja bekanntlich auch Mensch heißt und so verstehe ich dieses Gedicht auch.

Weil ich sehr emotional und temperamentvoll bin, verhalte ich mich natürlich auch weiterhin nicht immer souverän, aber es wird besser und ich weiß jetzt, wo ich hinkommen will.

Athene, die Göttin der Weisheit und des Krieges, verkörpert für mich Souveränität.

Alleinsein – ein Lebensgefühl

Seit ich denken kann, ist Alleinsein mein Lebensgefühl. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein unfreiwilliges Einzelkind bin.

Ich erinnere mich an zahlreiche Situationen in der Pubertät, wo ich abends heulend nach einem Streit mit meiner Mutter auf dem Bett lag und mein Vater kam und mich bat, ich möge mich entschuldigen. Dabei war ich einfach nur, wie ich bin. Niemals wieder habe ich mich so unverstanden und ungerecht behandelt und ausgeliefert gefühlt. Um des lieben Friedens willen entschuldigte ich mich, aber die Verletzungen blieben.

Das Verhältnis zu meinem Kindern ist viel offener und mehr auf Augenhöhe. Wir können uns alle entschuldigen und ich habe oft das Gefühl, niemand versteht mich so gut wie sie. Und wenn sie verzweifelt oder zornig wegen etwas in ihrem Leben sind, versuche ich immer zu signalisieren, dass ich sie verstehen kann. Was auch stimmt.

In meiner ersten Ehe, war ich sehr allein, buchstäblich allein gelassen wie in ein Gefängnis habe ich mich gefühlt. Habe aber tapfer versucht zu lächeln und für die Kinder da zu sein. Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Waren überfordert, war ich doch immer ein so gut funktionierendes Kind gewesen, das alles mit sich alleine ausgemacht hat.

Jetzt bin ich alleinerziehend. Mein neuer Mann wohnt nicht bei mir. Wir haben eine Fernbeziehung. Wenn es mit meiner Tochter Probleme wegen ihrer traumatischen Grundschulzeit gab, war mir wieder bewusst, wie allein ich bin. Für meinen Exmann war ich die unfähige Mutter und an allem schuld, er verstand seine Tochter überhaupt nicht. Und so sah ich mich allein an allen Fronten: Musste mein verzweifeltes Kind beruhigen, die tyrannische Schulleiterin höflich behandeln und mich gegen die Vorwürfe meines Exmanns zur Wehr setzen. Und bei alledem nicht durchdrehen. Ich war sehr erleichtert, als ich Hilfe bei einer Erziehungsberatung suchte und diese mir versicherte, ich sei normal und meine Tochter auch. Sie empfahl einen Schulwechsel und das zogen wir dann auch durch.

Als ich vor drei Jahren meinen damaligen Mann, mein Haus und leider auch meinen Sohn, der sein gewohntes Umfeld nicht zurücklassen wollte, verließ, hatte ich große Angst, dass ich es alleine nicht schaffen würde.

Ich hatte noch nie alleine gewohnt. Meine Tochter ist ja noch ein Kind. Aber ich habe es geschafft. Ich fragte bei manchen Dingen Freunde oder Nachbarn um Hilfe oder ließ gegen Bezahlung einen Fachmann kommen, manches ist mir auch nicht so wichtig, so dass ich manche Probleme seit der Trennung gar nicht mehr habe. Letztlich fühlt es sich toll an, allein zu sein. Man ist sein eigener Herr und macht die Dinge, wie man will. Und mit meiner Tochter bin ich ein echtes Mädchenteam. Sie ist genau wie mein Sohn durch die Trennung sehr selbstständig geworden.

Ich hoffe sehr, meine Tochter wird mal mutiger als ich sein und schneller Stopp sagen, wenn ihr etwas nicht passt. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich jetzt erst erwachsen geworden bin. Und die zwei Jahre ohne Beziehung will ich nicht missen, ich weiß jetzt, ich schaffe es, allein zu sein, und kann es sogar genießen – und das ist ein richtig gutes Gefühl, weil es mich unabhängig macht.