Ich rede, also bin ich – Gedanken über die Funktion von Kommunikation

Vor ein paar Jahren war ich wegen einer Stimmbandentzündung sprachlos und gab unserer damaligen Schulleitung eine Krankmeldung ab und gestikulierte, dass ich nicht reden dürfe. Worauf sich die beiden Herren ungelogen schlapplachten, weil sie es so lustig fanden, dass jemand mit so einer großen Klappe wie ich sprachlos sei. Hmpf. 

In der Tat ist Sprache, und zwar gesprochene Sprache, und gelebte Kommunikation DAS wichtige Moment in meinem Beruf. Es gab zwar einen Kollegen, der mit seiner jährlichen fetten Halsentzündung stoisch schwieg und alles mit Power Point machte, aber das ist die Ausnahme. Ich zum Beispiel hätte weder eine passende PP im Schrank (geschweige denn die Nerven, krank eine vorzubereiten), noch finde ich den Unterricht in meinen Fächern ohne Reden praktikabel.

Unterricht ist Kommunikation. Der Austausch von Positionen und Meinungen, das gemeinsame Aufspüren von Deutungen, Zusammenhängen usw. Das mag auf den ersten Blick nicht für alle Fächer gelten, aber sogar Mathekollegen berichten teilweise ähnliches, da geht es ja letztlich auch um Lösungsvorschläge für Probleme, nur kommt, im Gegensatz zu Deutsch (Ausnahme: Grammatik und Rechtschreibung) und Politik am Ende richtig oder falsch raus.

Im Unterricht ist es wie im sonstigen Leben, wenn kein wirklicher Austausch stattfindet, sondern immer nur einer redet und der Rest abnickt, kann es nicht zu wirklichen Erkenntnisprozessen kommen. Guter Unterricht kann nicht allein stattfinden. 

Wie gesagt, das gilt auch für gute Politik, gute Forschung, gute Ehen, gute Freundschaften und gute Erziehung. All das kann nicht einer von der Kanzel herabpredigen und der Rest folgt nur – gelangweilt, resignativ oder widerwillig oder irgendwann eben gar nicht mehr. 

Folge einer verfehlten Kommunikation sind dann die Wahl von Parteien, von denen man vermeintlich gehört wird. Vergeudete Forschungsgelder und Zeit, weil jemand verblendet von vermeintlicher eigener Genialität einen kleinen, aber entscheidenden Fehler in seiner Hypthesenbildung übersehen hat. Der überraschte Blick des Partners, wenn der andere die Scheidung einreicht. („Es war doch immer alles in Ordnung.“) Menschen, die aus allen Wolken fallen, über Dinge, die sie ihrem alten  Freund/ihrer alten Freundin NIEMALS zugetraut hätten. Und schließlich Eltern, die fassungslos sind und ihre Kinder nicht wiedererkennen. (Faustregel: In einer kommunikativ offenen Familie machen die Kinder auch dumme Sachen, aber die Eltern können grob nachvollziehen, wenn auch nicht billigen, warum, und schlagen vor allem dem Kind nicht die Tür zu, sondern halten die Kommunikation offen.)

Denn es gilt: Wer nicht mehr miteinander redet, hat schon verloren.

Manchmal wünsche ich mir eine Rute – wenig beschauliche Gedanken zum Nikolaus

Manchmal wünsche ich mir eine Rute oder dass wenigstens Knecht Ruprecht, der gestrenge Gehilfe vom Nikolaus, mal eingreift und sich um ein paar Leute speziell kümmert:

… Um eitle, vor sich hinlügende Politiker

… Um egoistische, ihre Mitarbeiter vergessene Firmenchefs

… Um skandalsüchtige, das Volk aufhetzende Sensationsjournalisten

… Um Ihre Macht ausnutzende Lehrer und Chefs 

… Um ewig herumnörgelnde, alles madig machende Kollegen, Familienangehörige und sonstige Miesepeter

… Um nervige Helikoptereltern, die ihre Kinder von der Selbstständigkeit abhalten

… Um Menschen, die darüber Vorträge halten, wie sie durch ihr Essverhalten die Welt retten und die Probleme des sogenannten kleinen Mannes gar nicht wahrnehmen

… Um alle, die ihre Mitmenschen um den inneren Frieden bringen, weil sie ihn selbst nicht haben.

Leider gibt es Knecht Ruprecht gar nicht, also müssen wir uns wohl selbst schützen. 

In diesem Sinne: lasst euch nicht aus der Ruhe bringen und genießt diese an sich besinnlich gedachte Zeit etwas!

PS: Diese Erkenntnisse gelten natürlich auch, wenn nicht Advent ist.

Nostalgie allenthalben – Die Sehnsucht des Menschen nach den „alten Zeiten“

Kaum sind meine Abis aus der Schule raus, wird die gemeinsame Zeit gerne verklärt und ehemalige Horrorerlebnisse werden alsbald zu gern erzählten Anekdoten.

dav

Mit meinen alten Schulfreunden erinnere ich mich ebenfalls gerne an die alten Tage zurück und peinliche Aktionen verwandeln sich im Nachhinein in biografische oder zumindest erzählerische Highlights. 

Unter alten Studienfreundinnen wird Kommilitonen, mit denen bei Licht besehen, nie was Ernsthaftes gelaufen wäre, als verpassten Chancen hinterhergetrauert. In Ehekrisenzeiten habe ich schon manchen zum Glück ahnungslosen ehemaligen Studienfreund zur vermeintlichen Rettung meines damals als gescheitert betrachteten Lebens auserkoren. („Hätte ich damals…“) 

Woher kommt dieser Hang des Menschen zum Verklären der Vergangenheit? Bei mir taucht er oft auf, wenn es in der Gegenwart nicht so prickelnd läuft. Es ist die Sehnsucht nach Erlösung, nur nach rückwärts gerichtet. Das kann man auch in der aktuellen Politik beobachten, in der die klaren Verhältnisse eines Vier-Parteiensystems mit klaren Lagern im Rückblick wie das gelobte Land erscheinen. 

Wenn man ehrlich ist, würde man wahrscheinlich zugeben, dass die Schulzeit oft langweilig oder traumatisch war (je nach dem) und vieles Interessante (zum Beispiel, was das andere Geschlecht betrifft) sich leider oft nur im Kopf abgespielt oder man sich vielleicht auch bis auf die Knochen blamiert hat (und es in der Fantasie zu belassen wäre klüger gewesen). Auch im Studium hatte man damals seine Gründe, warum man x oder y nicht ins Bett gezerrt hat oder gar seine Verliebtheit gestanden, in die man sich meist auch nur verrannt hatte. Und die Kohlzeit mag klare politische Lager gehabt haben, zeichnete sich aber eben auch durch Reformstau aus. Und durch „Birne“ – Karikaturen in der Anfangszeit und die Spendenaffäre am Ende. 

Der Mensch schaut gerne wehmütig oder gerührt zurück. Besonders, wenn es ihm an positiven Visionen für die Zukunft mangelt. Oder wenn er eben  an der Gegenwart leidet. Dabei sollte er sich klarmachen, die graue Gegenwart von heute ist oft die verklärte Vergangenheit von morgen.